Eine unheimliche Geschichte: Horror – Story (4 Kapitel)

Eine unheimliche Geschichte kostenlos
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In dieser Geschichte verbringt ein junges Mädchen eine Nacht in einem alten, leerstehenden Haus. Welche Geheimnisse gibt es dort zu entdecken?

Eine unheimliche Geschichte Kapitel 1

Der Wind zog durchs Dorf wie ein alter Hund, der seine Knochen verloren hatte und jetzt über die Türrahmen hinweg heulte, als suche er etwas, das längst verschwunden ist. In der letzten Straßenecke stand ein ⇒Haus, das so still war, dass man fast glauben konnte, es hätte beschlossen, sich selbst zu vergessen. Es war das Haus der Familie Alder, das seit Jahren leer stand, seit die Mutter, die man nie beim Namen nannte, eines Abends nicht mehr zurückkehrte. Seitdem roch es nach kaltem Staub und salziger Luft, als hätte die See das Gebäude mit ihren Fluten umarmt und nie wieder losgelassen.

Ich, Mira, zog die Uhr tief in den Mantelkragen und trug die Dunkelheit wie einen Mantel um die Schultern. Niemand im Dorf scherte sich mehr um das Häuschen am Rand des Waldes; doch irgendwo in mir rührte sich der alte Hunger nach Geschichten, der mich schon als Kind weckte, wenn die Nacht zu laut war und die Welt draußen zu still.

Es war kurz vor ⇒Mitternacht, als ich die Tür des Alder-Hauses aufstieß. Sie knarrte wie eine alte Trommel, die zu lange unberührt geblieben war. Innen roch es nach Nässe, Wachs und etwas Verbranntem—als hätte jemand vergessen, wie man Kerzen richtig löscht. Die Luft war schwer, nicht schmutzig, sondern erfüllt von einer feinen, kalten Spannung, die sich gegen die Haut legte und dort kleine Kristalle bildete, die man nicht sehen, aber fühlen konnte.

Auf dem Flur standen Möbel, die längst nicht mehr gedient hatten: ein Sofa, das sich der Zeit widersetzte, ein ⇒Spiegel, der mehr Blick als Reflektion bot, und eine Treppe, deren Holzbretter Geschichten zu erzählen schienen, die niemand hören wollte. Ich ging weiter, als wolle ich mich weigern, aber doch weitergehen, bis ich in der Küche ankam. Dort stand ein Tisch, der nie ganz gealtert war, als hätte jemand ihn erst gestern in die Welt gesetzt. Auf dem Tisch lag ein Zettel, in einer Handschrift, die ich kannte, obwohl ich sie nie gelernt hatte.

Inneres eines verlassenen Hauses
Eine zerbrochene Glastür in einem verlassenen Haus

Kapitel 2

„Für Mira“, stand dort, mit einer Tinte, die wie kalter Rauch schimmerte. Darunter eine Adresse, die niemand mehr von hier kannte, und ein Satz, der mir die Luft aus den Lungen zog: „Folge dem Licht, das nicht brennt.“ Unter dem Zettel ein kleines Kästchen, aus dem eine schwache Wärme drang, als sei darin ein Herz, das atmete, aber nicht laut schlug.

Ich hob den Zettel vorsichtig auf, als wäre er ein reliquiarer Gegenstand, der mir eine Prüfung auferlegte. Das Licht, das nicht brennt, ließ sich nicht sehen, aber ich spürte es—eine Bewegung im Rand des Blickfelds, als wäre da jemand oder etwas, das mich beobachtete, neugierig, vielleicht auch hungrig. Die Stille im Alder-Haus hatte eine Art Sprache, und ich begann sie zu verstehen: Es ist nicht die Dunkelheit, die ⇒Angst macht, sondern das, was die Dunkelheit zu verstecken versucht.

Ich folgte dem Flur zurück nach draußen, überlegte, ob ich dem Hinweis folgen sollte oder ob ich einfach gehen musste. Doch die Nacht hatte sich längst gegen Ruhe entschieden. Auf dem Hof stand eine Laterne, deren Glas in tausend winzigen Stücken leuchtete, wie Sterne, die sich in einer Pfütze gespiegelt hatten. Das Licht warf ein Tropfenmattes Muster über das Gras, doch der Tropfen war kein Wasser, sondern eine warme, unruhige Wärme, die sich nicht von selbst erklären ließ.

„Folge dem Licht, das nicht brennt.“ Noch immer klang der Satz in meinem Kopf, und mein Herz, das sonst so bedacht und kühl war, begann unruhig zu schlagen. Ich ging dem Licht nach, dem unsäglichen, kalten Leuchten, das aus dem Boden zu kommen schien, als folgte es mir wie ein leiser Hund, der mich bewachen wollte, aber zu viel von meiner Angst sah, um sie zu zerstreuen.

Eine Laterne
Eine alte Laterne

Kapitel 3

Der Weg führte durch den ⇒Wald, der nicht einfach Wald war, sondern ein Ort, an dem die Zeit selbst Kirchgasse ging und die Bäume wie alte Wachskerzen aussahen, deren Dochte längst ausgeglommen waren. Unter dem Mond—der nie ganz zu sehen war, sondern immer hinter einer Wolke verborgen—kippte der Boden leicht, und ich spürte, wie der Boden mir etwas vorsagte, das ich nicht verstehe, aber ahne.

Da stand vor einer Lichtung ein Stein, flach wie eine Tür, und darauf war eine Beschriftung geritzt, zu nüchtern, als dass sie aus dieser Welt stammen könnte: ein Datum, eine Initiale, ein Zeichen, das mir die Haut prickeln ließ. Der Stein war warm, als hätte er ein eigenes Atemsystem, das nur in der Nacht arbeiten durfte. Und dort, in der Mitte der Lichtung, lag ein Ring aus hellen, unruhigen Punkten, keine Sterne, eher Funken aus einem Feuer, das nie brannte, aber immer zuckt. Als ich näher trat, hörte ich ein Rauschen, das nicht vom Wind kam, sondern von irgendwo unter der Erde, als würden Steine flüstern, die sich ihre Geschichten ins Ohr sagen.

Ich hob den ⇒Ring auf. Es war kein Schmuck, sondern ein Objekt mit Gewicht, als trüge es eine Last, die älter war als die Häuser, die Straßen, die Erinnerungen. Kaum hatte ich ihn berührt, spürte ich, wie die Nacht sich verändert. Der Wald schloss sich wie eine Hand um mich, und das Licht, das nicht brennt, wurde intensiver, formte Schatten, die keine Schatten mehr waren, sondern Türen zu Abschnitten der ⇒Vergangenheit, die nie hätten wieder geöffnet werden dürfen.

Ich kehrte langsam zurück, den Ring fest in der Hand, die Augen offen für alles, was an die Oberfläche dringen wollte. Die Alder-Familie, so schien es mir, hatte dieses Spiel begonnen, lange bevor ich geboren war und bevor dieses Dorf seinen Namen gut genug wusste. Das Haus war Teil eines größeren Mosaiks—Bestände, Geheimnisse, Erinnerungen, die zurücklagen wie Türen, die nicht alle gleichzeitig geöffnet werden sollten. Aber wer bestimmt das? Wer entscheidet, welche Türen für immer geschlossen bleiben dürfen und welche sich unaufhaltsam öffnen, wenn jemand mit dem richtigen Gewicht an einer Klinke dreht?

Ein dunkler Wald
Im dunklen Wald

Kapitel 4

Zurück im Wald, das Licht aus dem Ring noch warm gegen die Haut, bemerkte ich, wie die Geräusche der Nacht sich veränderten. Es war nicht mehr einfach der Wind, der durch die Äste kroch; es waren Stimmen, die sich wie Nebel über den Boden legten, Stimmen, die Geschichten von Menschen erzählten, die einst hier lebten und längst verschwunden waren. Ihre Worte waren nicht laut, eher wie Tropfen, die sanft auf eine Wasseroberfläche fielen, und jedes Mal, wenn einer sank, veränderte sich die Luft ein wenig, als ob ein neues Kapitel in der Welt aufgeschlagen wurde.

Ich verstand, dass der Ring mir eine Aufgabe gab: Nicht zu entkommen, sondern zu sehen, zu hören, zu beobachten, wie die Welt hinter dem, was wir sehen, weiterlebt. Und vielleicht war diese Erkenntnis das wahre Grauen, das diese Nacht mit sich brachte: Nicht die Geister, die sich hinter Vorhängen verstecken, sondern die Tatsache, dass unsere eigenen ⇒Geschichten uns weitertragen, lange nachdem wir wissen, dass wir gehen sollten.

Als der Morgen schließlich die Nacht fror, ließ ich den Ring in meiner Tasche liegen und kehrte langsam nach Hause zurück. Das Alder-Haus stand dort, als hätte es nie aufgehört zu existieren, als ein stiller Wachposten über das Dorf. Die Straßen waren noch leer, doch mein Herz war nicht länger leer; es trug jetzt die Erinnerung an das, was ich gesehen hatte, an das, was ich gehört hatte, an das, was ich gespürt hatte, als der Ring in meiner Hand glühte, nicht hell, sondern wie ein inneres Nachklang, das mir sagte: Sehen bedeutet, zu wissen, was kommt, auch wenn man es nicht verstehen kann.

Ich schlug die Tür hinter mir zu, doch der Duft der Nässe blieb. Die Nacht hatte sich nicht endgültig aufgelöst; sie hatte nur ihren Charakter gewechselt, von einem furchtsamen Bekannten zu einem stillen Verbündeten, der mich künftig begleiten würde. Und während ich mich schlafen legte, hörte ich im Flur wieder ein leises Kratzen, als würden die Stimmen aus dem Wald ihre Geschichten erneut schreiben, diesmal mit mir als Teil des Textes.

Vielleicht war das der Ursprung des Grauens: Die Gewissheit, dass jedes Geheimnis irgendwann ans Licht will, und dass Licht, auch wenn es nicht brennt, die Türen öffnen kann, die wir am liebsten verschlossen halten würden. Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass manche Lichter nicht dafür gedacht sind, uns zu wärmen, sondern uns zu zeigen, wie tief der ⇒Schatten reicht, wenn man ihn am nächsten Morgen noch betrachten will.

(Quelle: Diboo.de)

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