
In „Die Straße ohne Ende“ will ein Autofahrer nachts eine Abkürzung über eine Nebenstraße nehmen. Ihn erwartet dort jedoch Unheimliches…
Die Straße ohne Ende
Kapitel 1
Ich war todmüde. Ich hatte gerade einen langen Arbeitstag hinter mir und dachte nur noch daran, nach Hause zu kommen, schnell etwas zu essen und ins ⇒Bett zu fallen.
Die Fahrt hätte vierzig Minuten dauern sollen, vielleicht weniger, wenn ich den Verkehr auf der Autobahn gemieden hätte. Als ich dann eine Nebenstraße entdeckte, die durchs Hinterland führte, dachte ich mir: Warum nicht? Eine Abkürzung klang perfekt.
Die Straße begann gut – schmal, gewunden durch dichte ⇒Bäume, kaum andere Autos. Es war dunkel, aber das störte mich nicht. Die ⇒Stille tat nach dem chaotischen Tag richtig gut. Doch je weiter ich fuhr, desto fremder wirkte die Gegend. Noch machte ich mir keine Sorgen. Ich ging einfach davon aus, dass ich irgendwann wieder auf die Hauptstraße gelangen würde.
Eine halbe Stunde verging. Ich hatte kein einziges Auto gesehen, und die Straße schien kein Ende zu nehmen. Mein Navigationsgerät spielte verrückt, der blaue Punkt flackerte auf dem Bildschirm, als könnte es meinen Standort nicht bestimmen. Die Straße war jetzt schnurgerade, beidseitig von dichten, hoch aufragenden Bäumen gesäumt, die alles Licht bis auf meine Scheinwerfer verschluckten. Ich wurde das Gefühl nicht los, mitten im Nirgendwo zu fahren.
Ich versuchte es erneut mit dem GPS, doch es versagte komplett, der Bildschirm blieb schwarz. Frustriert schaltete ich das Radio ein, in der Hoffnung, einen vertrauten Sender zu finden, der mir Halt geben würde. Doch ich empfing nur Rauschen. Immer wieder drückte ich die Suchlauftaste, aber es kam nichts – nur weißes Rauschen.

Kapitel 2
Ein seltsamer Schauer lief mir über den Rücken, als mir bewusst wurde, wie völlig isoliert ich war. Kein GPS, kein Radio, kein Lebenszeichen. Nur ich und diese endlose Straße.
Eine Stunde verging. Dann zwei. Die Straße zog sich endlos dahin, ohne Unterbrechung, ohne Kreuzungen, ohne Schilder, nichts. Nur dieselben Bäume, endlos und bedrückend, die von allen Seiten drängten. Mein Griff um das Lenkrad verstärkte sich. Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber ich begann mich … gefangen zu fühlen. Auf eine unangenehme Art gefangen, als ob mich etwas absichtlich auf dieser Straße festhielt.
Und da bemerkte ich die Orientierungspunkte.
Zuerst sah ich einen toten Baum, dessen kahle, verdrehte Äste wie knochige Finger nach außen ragten. Wenige Minuten später kam ich an einem alten, verrosteten und unleserlichen Schild vorbei, das schief stand. Und dann … wieder ein toter Baum, genau derselbe. Dieselben verdrehten Äste, derselbe ⇒Schatten, der sich über die Straße spannte. Mein Puls raste, als mir klar wurde, dass ich immer wieder dasselbe sah. Ich drehte mich im Kreis.
Ich bremste ab, fast bis zum Schritttempo, und sah mich um. Es gab keine Abzweigung, keinen Ausweg – nur denselben ⇒Weg, der sich endlos vor mir erstreckte. Mein ⇒Herz raste, Panik nagte an meiner Brust, während ich weiterfuhr und nach jedem Anzeichen Ausschau hielt, dass ich nicht in einer einzigen riesigen Schleife fuhr. Doch nach weiteren zwanzig Minuten kam ich wieder an diesem toten Baum vorbei. An demselben verrosteten Schild. Es war, als ob die Straße mir einen Streich spielte und mich mit jedem Kilometer tiefer hineinzog.

Kapitel 3
Verzweifelt versuchte ich, um Hilfe zu rufen, aber ich hatte keinen Empfang. Ich fühlte mich völlig abgeschnitten, gefangen in dieser seltsamen, endlosen Schleife. Ich gab Gas, in der Hoffnung, dass ich, wenn ich schnell genug fuhr, das durchbrechen könnte, was mich hier gefangen hielt. Doch je schneller ich fuhr, desto mehr spürte ich die Schwere der Dunkelheit, die mich umfing, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt.
Ich fuhr gefühlt stundenlang, die Augen starr auf die Straße gerichtet, in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, das mir einen Ausweg zeigen würde. Dann sah ich vor mir Scheinwerfer. Ein anderes Auto. Erleichterung überkam mich. Ich schaltete die Lichthupe ein und hupte, doch als ich näher kam, erloschen die Lichter des anderen Wagens. Da war kein Auto mehr – nur Dunkelheit und eine leere Straße, die sich endlos erstreckte.
Erschöpft und am Ende meiner Kräfte fuhr ich rechts ran und lehnte den Kopf ans Lenkrad. Ich konnte nicht mehr weiterfahren; ich fühlte mich, als würde ich den Verstand verlieren. Ich atmete tief durch und versuchte, mich zu beruhigen. Vielleicht würde es ja hell werden, wenn ich nur ein wenig wartete, und ich würde den Weg aus diesem Ort finden.
Doch während ich da saß und der Motor im Leerlauf lief, hörte ich es – ein leises Geräusch, wie Schritte, aus dem ⇒Wald. Ich blickte auf und kniff die Augen in die Dunkelheit, aber da war nichts. Nur Schatten. Die Schritte wurden lauter, kamen näher und knirschten auf dem Kies hinter meinem Auto.

Kapitel 4
Mit rasendem Herzen legte ich den Gang ein und gab Gas. Ich raste die Straße entlang, verzweifelt bemüht, dem zu entkommen, was auch immer hinter mir lauerte. Doch egal wie weit ich fuhr, egal wie schnell, ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden, verfolgt von etwas, das ich nicht sehen konnte.
Derselbe tote Baum stand wieder da, dasselbe verbogene Schild. Ich war zurück am Ausgangspunkt, und da begriff ich es: Der Weg führte mich nirgendwohin. Er hielt mich hier fest, gefangen in dieser endlosen Schleife.
Ich weiß immer noch nicht, wie lange ich in jener ⇒Nacht gefahren bin. Schließlich bin ich vor Erschöpfung eingeschlafen, mein Auto blieb von selbst stehen. Als ich aufwachte, war es Morgen, die Sonne schien durch die Bäume. Die Straße sah normal aus, einfach ein Stück Landstraße. Ich fuhr problemlos weiter und bog auf die Autobahn ein, als wäre nichts geschehen.
Doch jedes Mal, wenn ich nachts allein fahre, werde ich die ⇒Angst nicht los, wieder auf dieser Straße zu landen. Diese eine falsche Abzweigung und ich bin wieder in dieser endlosen Schleife gefangen, wo etwas in der Dunkelheit lauert, mir folgt … und auf meine ⇒Rückkehr wartet.








