Das weiße Schiff: Fesselnde Geschichte (4 Kapitel)

Die Geschichte "Das weiße Schiff": Ein Leuchtturm
Die Geschichte "Das weiße Schiff": Ein Leuchtturm

In der Geschichte geht es um den Leuchtturmwärter Basil Elton, der eines Nachts einer Einladung auf ein mysteriöses weißes Schiff folgt…

Diese ⇒Geschichte, die zum Traumzyklus gehört, verfasste ⇒H. P. Lovecraft im Jahre 1919

Das weiße Schiff Kapitel 1

Ich bin Basil Elton, Leuchtturmwärter von North Point, den schon mein Vater und Großvater vor mir innehatten. Weit draußen auf dem Meer steht der graue Leuchtturm, über versunkenen, glitschigen Felsen, die bei Ebbe sichtbar, bei Flut aber unsichtbar sind. Ein Jahrhundert lang zogen die majestätischen Barken der sieben Weltmeere an diesem Leuchtfeuer vorbei. Zu Zeiten meines Großvaters waren es viele, zu Zeiten meines Vaters nicht so viele, und jetzt sind es so wenige, dass ich mich manchmal seltsam allein fühle, als wäre ich der letzte Mensch auf unserem Planeten.

Von fernen Küsten kamen einst die weißsegeligen Argosen; von fernen östlichen Küsten, wo warme Sonnen scheinen und süße Düfte über geheimnisvollen Gärten und prächtigen Tempeln liegen. Die alten Seefahrer kamen oft zu meinem Großvater und erzählten ihm davon, was er wiederum meinem Vater erzählte, und mein Vater erzählte es mir in den langen Herbstabenden, wenn der Wind unheimlich aus Osten heulte. Und ich habe noch viel mehr davon und von vielem anderen in den Büchern gelesen, die man mir schenkte, als ich jung und voller Staunen war.

Doch wunderbarer als die Überlieferungen alter Männer und Bücher ist die geheimnisvolle Weisheit des Ozeans. Blau, grün, grau, weiß oder schwarz; glatt, aufgewühlt oder gebirgig – der Ozean schweigt nicht. Mein Leben lang habe ich ihn beobachtet und ihm gelauscht, und ich kenne ihn gut. Zuerst erzählte er mir nur die schlichten Geschichten von ruhigen Stränden und nahen Häfen, doch mit den Jahren wurde er mir freundlicher und sprach von anderen Dingen; von Dingen, die fremdartiger und ferner in Raum und Zeit sind.

Manchmal teilten sich in der Dämmerung die grauen Schleier des Horizonts und gewährten mir einen Blick auf die ⇒Wege dahinter; und manchmal wurden die tiefen ⇒Wasser des Meeres nachts klar und phosphoreszierend und zeigten mir die Wege darunter. Und diese Blicke zeigten ebenso oft die Wege, die waren und die sein könnten, wie die Wege, die sind; denn der Ozean ist älter als die Berge und beladen mit den Erinnerungen und Träumen der Zeit.

Aus dem Süden kam das Weiße Schiff, wenn der Mond voll und hoch am Himmel stand. Es glitt sanft und lautlos über das Meer. Ob die See rau oder spiegelglatt war, ob der Wind günstig oder ungünstig wehte, es glitt stets sanft und lautlos dahin, die Segel weit entfernt, die langen, seltsamen Ruderreihen rhythmisch im Wind. Eines Nachts erblickte ich an Deck einen Mann, bärtig und in ein Gewand gehüllt, der mich zu winken schien, zu unbekannten, schönen Ufern zu segeln. Viele Male danach sah ich ihn im Vollmondlicht, und immer wieder winkte er mich.

Hell erstrahlte der Mond in jener Nacht, als ich dem Ruf folgte, und ich schritt über das Wasser zum Weißen Schiff, das auf einer Brücke aus Mondstrahlen lag. Der Mann, der mich gerufen hatte, begrüßte mich nun in einer sanften Sprache, die mir vertraut schien, und die Stunden waren erfüllt vom leisen Gesang der Ruderer, während wir in einen geheimnisvollen Süden glitten, golden erleuchtet vom Schein des vollen, milden Mondes.

Und als der Tag anbrach, rosig und strahlend, erblickte ich das grüne Ufer ferner Länder, hell und schön und mir unbekannt. Das Meer erhob sich majestätisch zu grünen Terrassen, baumbestanden, die hier und da die strahlend weißen Dächer und Säulengänge fremdartiger Tempel erahnen ließen. Als wir uns dem grünen Ufer näherten, erzählte mir der bärtige Mann von jenem Land, dem Land Zar, wo all die Träume und Gedanken von Schönheit wohnen,

die den Menschen einst kommen und dann vergessen werden. Und als ich die Terrassen wieder betrachtete, sah ich, dass seine Worte wahr waren, denn unter den Anblicken vor mir waren viele Dinge, die ich einst durch den Nebel jenseits des Horizonts und in den phosphoreszierenden Tiefen des Ozeans gesehen hatte. Dort waren auch Formen und Fantasien, prächtiger als alles, was ich je gekannt hatte; die Visionen junger Dichter, die in Armut starben, bevor die Welt von ihren Visionen und Träumen erfahren konnte. Doch wir betraten die sanft abfallenden Wiesen von Zar nicht, denn man sagt, wer sie betritt, kehrt nie wieder an sein heimatliches Ufer zurück.

 

Das weiße Schiff: Ein Schiff
Ein geheimnisvolles Schiff

Kapitel 2

Als das Weiße Schiff lautlos von den Tempelterrassen Zars ablegte, erblickten wir am fernen Horizont die Türme einer gewaltigen ⇒Stadt. Der bärtige Mann sprach zu mir: „Dies ist Thalarion, die Stadt der tausend Wunder, in der all jene Geheimnisse verborgen liegen, die der Mensch vergeblich zu ergründen suchte.“ Ich blickte noch einmal näher und sah, dass die Stadt größer war als jede Stadt, die ich je gekannt oder von der ich je geträumt hatte. Die Türme ihrer Tempel ragten so hoch in den Himmel, dass niemand ihre Spitzen erblicken konnte. Weit hinter dem Horizont erstreckten sich die düsteren, grauen Mauern, über die man nur wenige ⇒Dächer erspähen konnte, seltsam und unheilvoll, aber dennoch mit prächtigen Fries und anmutigen Skulpturen geschmückt.

Ich sehnte mich danach, diese faszinierende und doch abstoßende Stadt zu betreten, und bat den bärtigen Mann inständig, mich am steinernen Pier beim gewaltigen, geschnitzten Tor Akariel an Land zu bringen. Doch er wies meinen Wunsch sanft zurück und sprach: „Viele sind nach Thalarion, der Stadt der tausend Wunder, gegangen, aber keiner ist zurückgekehrt. Dort wandeln nur ⇒Dämonen und Wahnsinnige, die keine Menschen mehr sind, und die Straßen sind weiß von den unbestatteten Gebeinen jener, die den Eidolon Lathi erblickt haben, der über die Stadt herrscht.“ So segelte das Weiße Schiff an den Mauern Thalarions vorbei und folgte viele Tage lang einem nach Süden fliegenden Vogel, dessen glänzendes Gefieder mit dem Himmel verschmolz, aus dem er erschienen war.

Dann erreichten wir eine liebliche Küste, die von Blüten in allen Farben übersät war. So weit das Auge reichte, sonnten sich im Landesinneren liebliche Haine und strahlende Lauben unter der Mittagssonne. Aus den Lauben jenseits unseres Blickfelds drangen Gesangsfetzen und lyrische Melodien, durchsetzt mit einem so anmutigen, leisen Lachen, dass ich die Ruderer in meiner Ungeduld, den Ort zu erreichen, anspornte. Der bärtige Mann sprach kein Wort, sondern beobachtete mich, als wir uns dem liliengesäumten Ufer näherten.

Plötzlich brachte ein Wind, der von den blühenden Wiesen und laubbedeckten Wäldern herüberwehte, einen Duft mit sich, der mich erschaudern ließ. Der Wind wurde stärker, und die ⇒Luft war erfüllt vom tödlichen, leichenhaften Geruch pestverseuchter Städte und offener Friedhöfe. Und als wir wie von Sinnen von dieser verfluchten Küste fortsegelten, sprach der bärtige Mann endlich: „Dies ist Xura, das Land der unerfüllten Freuden.“

So folgte das Weiße Schiff erneut dem Himmelsvogel über warme, gesegnete Meere, die von sanften, duftenden Brisen umweht wurden. Tag für Tag und Nacht für Nacht segelten wir, und bei Vollmond lauschten wir den leisen Gesängen der Ruderer, süß wie in jener fernen Nacht, als wir von meiner fernen Heimat fortsegelten. Und im Mondschein ankerten wir schließlich im Hafen von Sona-Nyl, der von zwei kristallenen Landzungen bewacht wird, die sich aus dem Meer erheben und einen strahlenden Bogen bilden. Dies ist das Land der Fantasie, und wir schritten auf einer goldenen Brücke aus Mondstrahlen zum grünen Ufer.

Im Land Sona-Nyl gibt es weder Zeit noch Raum, weder Leid noch Tod; und dort weilte ich viele Äonen lang. Grün sind die Haine und Weiden, leuchtend und duftend die Blumen, blau und melodisch die Bäche, klar und kühl die Brunnen und stattlich und prachtvoll die Tempel, Burgen und Städte Sona-Nyls. Dieses Land kennt keine Grenzen, denn hinter jedem schönen Ausblick erhebt sich ein noch schönerer. Über die Landschaft und inmitten der Pracht der Städte können sich die glücklichen Menschen frei bewegen, denen allen ungetrübte Anmut und ungetrübtes Glück zuteilwerden.

In den Äonen, die ich dort weilte, wanderte ich selig durch Gärten, wo malerische Pagoden aus lieblichen Büschen hervorlugen und wo die ⇒weißen Wege von zarten Blüten gesäumt sind. Ich bestieg sanfte Hügel, von deren Gipfeln sich mir bezaubernde Panoramen boten: Kirchtürme schmiegen sich in grüne Täler, und die goldenen Kuppeln gigantischer Städte glitzerten am unendlich fernen Horizont. Im Mondlicht erblickte ich das funkelnde Meer, die kristallklaren Landzungen und den stillen Hafen, in dem das Weiße Schiff vor Anker lag.

Vollmond in der Geschichte "Das weiße Schiff"
Vollmond über dem Meer

Kapitel 3

Es geschah eines Nachts im unvordenklichen Jahr von Tharp, als der Vollmond anhielt und ich die lockende Gestalt des Himmelsvogels erblickte und die ersten Regungen der Unruhe spürte. Da sprach ich mit dem bärtigen Mann und erzählte ihm von meiner neu erwachten Sehnsucht, ins ferne Cathuria aufzubrechen, das noch nie ein Mensch gesehen hat, von dem aber alle glauben, es liege jenseits der Basaltsäulen des Westens.

Es ist das Land der Hoffnung, und in ihm erstrahlen die vollkommenen Ideale all dessen, was wir anderswo kennen; zumindest erzählen es die Menschen so. Doch der bärtige Mann sagte zu mir: „Hüte dich vor jenen gefährlichen Meeren, in denen Cathuria liegen soll. In Sona-Nyl gibt es weder Schmerz noch Tod, aber wer kann schon sagen, was jenseits der Basaltsäulen des Westens liegt?“ Dennoch bestieg ich beim nächsten Vollmond das Weiße Schiff und verließ mit dem widerwilligen bärtigen Mann den sicheren Hafen in Richtung unbekannter Meere.

Und der Himmelsvogel flog voran und führte uns zu den Basaltsäulen des Westens, doch diesmal sangen die Ruderer keine sanften Lieder im Vollmondlicht. Oft malte ich mir in Gedanken das unbekannte Land Kathurien mit seinen prächtigen Hainen und Palästen aus und fragte mich, welche neuen Freuden mich dort erwarteten. „Cathuria“, sagte ich mir, „ist die Wohnstätte der Götter und das Land unzähliger goldener Städte. Seine ⇒Wälder bestehen aus Aloe und Sandelholz, wie die duftenden Haine Camorins, und zwischen den Bäumen flattern bunte Vögel mit süßem Gesang.

Auf den grünen und blühenden Bergen Cathurias erheben sich Tempel aus rosafarbenem Marmor, reich verziert mit gemeißelten und bemalten Prachtstücken, und in ihren Höfen befinden sich kühle silberne Brunnen, in denen das duftende Wasser des aus einer Grotte entspringenden Flusses Narg mit betörender Musik plätschert. Und die Städte Cathurias sind von goldenen Mauern umgeben, und auch ihre Pflaster sind aus Gold. In den Gärten dieser Städte wachsen seltsame Orchideen und duftende Seen mit Böden aus Korallen und Bernstein. Nachts werden die Straßen und Gärten von bunten Laternen erleuchtet, die aus dem dreifarbigen Panzer der Schildkröte gefertigt sind, und hier erklingen die sanften Töne des Sängers und des Lautenspielers.

Und die Häuser der Städte In Cathuria gibt es nur Paläste, jeder erbaut über einem duftenden Kanal, der das Wasser des heiligen Narg führt. Aus Marmor und Porphyr sind die Häuser, und ihre Dächer sind mit glitzerndem Gold gedeckt, das die Sonnenstrahlen reflektiert und den Glanz der Städte noch verstärkt, während die glückseligen Götter sie von den fernen Gipfeln aus betrachten. Der schönste von allen ist der Palast des großen Monarchen Dorieb, den manche für einen Halbgott, andere für einen Gott halten. Hoch thront Doriebs Palast, und viele sind dieMarmortürmchen zieren seine Mauern. In seinen weiten Hallen können sich Scharen versammeln, und hier hängen die Trophäen der Zeitalter.

Und das Dach ist aus reinem Gold, getragen von hohen Säulen aus Rubin und Azurblau, und mit so kunstvoll geschnitzten Götter- und Heldenfiguren verziert, dass derjenige, der zu diesen Höhen aufblickt, den lebendigen Olymp zu erblicken glaubt. Und der Boden des Palastes ist aus Glas, unter dem das kunstvoll beleuchtete Wasser des Narg fließt, farbenprächtig bevölkert von Fischen, die jenseits der Grenzen des lieblichen Kathuriens unbekannt sind.

So würde ich mit mir selbst über Cathuria sprechen, aber immer wieder würde mich der bärtige Mann warnen, zu den glücklichen Ufern von Sona-Nyl zurückzukehren; denn Sona-Nyl ist den Menschen bekannt, während niemand je Cathuria gesehen hat.

Das weiße Schiff: Wasserfall
Ein Wasserfall

Kapitel 4

Und am einunddreißigsten Tag, als wir dem Vogel folgten, erblickten wir die Basaltsäulen des Westens. Sie waren in Nebel gehüllt, sodass niemand dahinter blicken oder ihre Gipfel sehen konnte – die, wie manche sagen, sogar bis zum Himmel reichen. Und der bärtige Mann flehte mich abermals an, umzukehren, doch ich hörte nicht auf ihn; denn aus dem Nebel hinter den Basaltsäulen glaubte ich die Klänge eines Sängers und Lautenspielers zu hören; süßer als die schönsten Lieder Sona-Nyls, und sie priesen mich selbst; mich, der ich weit unter dem Vollmond gereist war und im Land der Fantasie weilte.

So segelte das Weiße Schiff, begleitet von Melodien, in den Nebel zwischen den Basaltsäulen des Westens. Und als die Musik verstummte und sich der Nebel lichtete, erblickten wir nicht das Land Cathuria, sondern ein reißendes, unaufhaltsames Meer, über das unser hilfloses Schiff zu einem unbekannten Ziel getrieben wurde. Bald drang das ferne Donnern herabstürzender Wasser an unser Ohr, und vor unseren Augen erschien am fernen Horizont der gewaltige Sprühnebel eines monströsen Wasserfalls, in den die Ozeane der Welt in die Tiefe stürzen.

Da sagte der bärtige Mann mit Tränen in den Augen zu mir: „Wir haben das schöne Land Sona-Nyl verworfen, das wir vielleicht nie wiedersehen werden. Die Götter sind größer als die Menschen, und sie haben gesiegt.“ Und ich schloss die Augen vor dem Krachen, das ich kommen sah, und blendete den Anblick des himmlischen Vogels aus, der seine höhnisch blauen Flügel über dem Rand des reißenden Stroms ausbreitete.

Aus diesem Krachen brach Dunkelheit hervor, und ich hörte das Kreischen von Menschen und von Wesen, die keine Menschen waren. Vom Osten her erhoben sich stürmische Winde und durchdrangen mich, als ich auf der feuchten Steinplatte kauerte, die sich unter meinen Füßen erhoben hatte. Dann, als ich ein weiteres Krachen hörte, öffnete ich die Augen und erblickte mich auf der Plattform jenes Leuchtturms, von dem ich vor so vielen Äonen gesegelt war. In der Dunkelheit unten zeichneten sich die gewaltigen, verschwommenen Umrisse eines Schiffes ab, das an den grausamen Felsen zerschellte, und als ich über die Ödnis blickte, sah ich, dass das Licht zum ersten Mal seit der Übernahme durch meinen Großvater erloschen war.

Und in den späteren Nachtwachen, als ich in den ⇒Turm ging, sah ich an der Wand einen Kalender, der noch immer so war, wie ich ihn zu der Stunde verlassen hatte, als ich ablegte. Mit dem Morgengrauen stieg ich vom Turm hinab und suchte auf den Felsen nach Trümmern, aber ich fand nur dies: Einen seltsamen toten Vogel, dessen Farbe dem Azurblau des Himmels glich, und einen einzelnen zerbrochenen Spierenbaum, von einem Weiß, das die Wellenspitzen oder den Schnee der Berge übertraf.

Und danach verriet mir der Ozean seine ⇒Geheimnisse nicht mehr; und obwohl der Mond seither viele Male voll und hoch am Himmel stand, kam das Weiße Schiff aus dem Süden nie wieder.

Teile diesen Beitrag
Nach oben scrollen