
Der Baum handelt von zwei Bildhauern, Kalos und Musides. Nach dem Tod von Kalos wächst ein unheimlicher Olivenbaum auf dessen Grab.
Diese ⇒Geschichte schrieb ⇒H. P. Lovecraft im Jahre 1920.
Der Baum Kapitel 1
An einem grünen Hang des Maenalus-Gebirges in Arkadien liegt ein Olivenhain um die Ruinen einer Villa. Ganz in der Nähe befindet sich ein Grabmal, einst prachtvoll mit erhabensten Skulpturen geschmückt, heute aber ebenso verfallen wie das ⇒Haus. An einem Ende dieses Grabmals, dessen seltsame Wurzeln die verwitterten Blöcke aus panhellischem Marmor verdrängen, wächst ein unnatürlich großer Olivenbaum von abstoßender Gestalt; er ähnelt so sehr einem grotesken Mann oder dem vom Tod entstellten Körper eines Mannes, dass die Landbevölkerung sich nachts, wenn der Mond schwach durch die krummen Äste scheint, davor fürchtet, an ihm vorbeizugehen.
Das Maenalus-Gebirge ist ein bevorzugter Aufenthaltsort des gefürchteten Pan, dessen seltsame Gefährten zahlreich sind, und einfache Burschen glauben, der Baum müsse eine grässliche Verwandtschaft mit diesen unheimlichen Paniskern haben; doch ein alter Imker, der im Nachbarhäuschen wohnt, erzählte mir eine andere Geschichte.
Vor vielen Jahren, als die Villa am Hang noch neu und prachtvoll war, lebten dort die beiden Bildhauer Kalos und Musides. Von Lydien bis Neapolis wurde die Schönheit ihrer Werke gepriesen, und niemand wagte zu behaupten, der eine sei dem anderen an Können überlegen. Der Hermes des Kalos stand in einem Marmorschrein in Korinth, und die Pallas des Musides krönte eine Säule in Athen nahe dem Parthenon. Alle huldigten Kalos und Musides und staunten darüber, dass kein Hauch künstlerischer Eifersucht die Wärme ihrer brüderlichen Freundschaft trübte.
Obwohl Kalos und Musides in ungetrübter Harmonie lebten, waren ihre Wesensarten verschieden. Während Musides nachts im städtischen Treiben von Tegea schwelgte, blieb Saios zu Hause und entzog sich den Blicken seiner Sklaven in die kühlen Winkel des Olivenhains. Dort sinnierte er über die Visionen, die seinen Geist erfüllten, und ersann die Formen der Schönheit, die später in lebendigem Marmor verewigt wurden. Das Volk erzählte, Kalos unterhalte sich mit den Geistern des Hains, und seine Statuen seien nur Abbilder der Faune und Dryaden, denen er dort begegnete, denn er habe kein lebendes Vorbild genommen.
Kalos und Musides waren so berühmt, dass es niemanden wunderte, als der Tyrann von Syrakus Boten zu ihnen schickte, um über die kostbare Tyche-Statue zu sprechen, die er für seine Stadt plante. Die Statue musste von gewaltiger Größe und kunstvoller Ausführung sein, denn sie sollte ein Wunder für die Völker und ein Ziel für Reisende werden. Unvorstellbar hoch würde derjenige sein, dessen Werk Anerkennung fände, und um diese Ehre wurden Kalos und Musides zu einem Wettstreit herausgefordert.

Kapitel 2
Ihre brüderliche Liebe war wohlbekannt, und der listige Tyrann vermutete, dass jeder, anstatt sein Werk vor dem anderen zu verbergen, ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen würde; diese Wohlwollen sollte zwei Bilder von ungeahnter Schönheit hervorbringen, von denen das schönere selbst die Träume von Dichtern übertreffen würde.
Voller Freude begrüßten die Bildhauer das Angebot des Tyrannen, so dass ihre Sklaven in den folgenden Tagen das unaufhörliche Hämmern der Meißel hörten. Kalos und Musides verbargen ihre Arbeit nicht voreinander, doch der Anblick war nur ihnen vorbehalten. Niemand außer ihnen erblickte die beiden göttlichen Gestalten, die durch geschickte Schläge aus den groben Blöcken befreit wurden, die sie seit Anbeginn der ⇒Welt gefangen gehalten hatten.
Nachts suchte Musides wie eh und je die Festsäle von Tegea auf, während Kalos allein durch den Olivenhain wanderte. Doch mit der Zeit bemerkten die Männer, dass Musides‘ einst so strahlende Lebensfreude nachgelassen hatte. Es sei seltsam, sagten sie untereinander, dass ihn die Niedergeschlagenheit so sehr befallen konnte, wo doch die Chance so groß gewesen sei, den höchsten Preis der Kunst zu erlangen. Viele Monate vergingen, doch in Musides‘ verbittertem Gesicht spiegelte sich nicht die sehnliche Erwartung wider, die diese Situation eigentlich hätte wecken sollen.
Eines Tages sprach Musides von Kalos’ Krankheit, woraufhin sich niemand mehr über seine Traurigkeit wunderte, denn die tiefe und heilige Zuneigung der Bildhauer war bekannt. Viele besuchten Kalos daraufhin und bemerkten auch seine Blässe; doch umgab ihn eine heitere Gelassenheit, die seinen Blick bezaubernder erscheinen ließ als den Musides’, der sichtlich von Sorge geplagt war und in seinem Eifer, seinen ⇒Freund eigenhändig zu speisen und zu pflegen, alle Sklaven beiseite schob. Hinter schweren Vorhängen verborgen standen die beiden unvollendeten Figuren der Tyche, die der Kranke und sein treuer Diener in letzter Zeit kaum berührt hatten.

Kapitel 3
Als Kalos trotz der Bemühungen ratloser Ärzte und seines eifrigen Freundes unerklärlicherweise immer schwächer wurde, wünschte er sich oft, in den Hain getragen zu werden, den er so liebte. Dort bat er darum, allein gelassen zu werden, als wolle er mit unsichtbaren Wesen sprechen. Musides erfüllte ihm stets seinen Wunsch, obwohl ihm beim Gedanken daran, dass Kalos sich mehr um die Faune und Dryaden als um ihn kümmerte, sichtbare Tränen in die Augen stiegen. Schließlich nahte das Ende, und Kalos sprach von Dingen jenseits dieses Lebens. Musides versprach ihm unter Tränen ein Grab, schöner als das des Mausolos; doch Kalos befahl ihm, nicht mehr von Marmorpracht zu sprechen.
Nur ein Wunsch quälte nun den Sterbenden: Dass Zweige bestimmter Olivenbäume aus dem Hain an seiner Ruhestätte – nah an seinem Kopf – vergraben würden. Und eines Nachts, allein in der Dunkelheit des Olivenhains sitzend, starb Kalos. Von unbeschreiblicher Schönheit war das Marmorgrabmal, das der betrübte Musides für seinen geliebten Freund schuf. Niemand außer Kalos selbst hätte solche Reliefs anfertigen können, in denen die ganze Pracht des Elysiums dargestellt war. Auch versäumte Musides es nicht, die Olivenzweige aus dem Hain nahe Kalos‘ Haupt zu bestatten.
Als Musides‘ anfängliche Trauer der Ergebung wich, arbeitete er eifrig an seiner Tyche-Figur. Ihm gebührte nun alle Ehre, denn der Tyrann von Syrakus wollte nur ihm oder Kalos die Arbeit anvertrauen. Seine Aufgabe bot ihm ein Ventil für seine Gefühle, und er arbeitete Tag für Tag beständiger und mied die Vergnügungen, die er einst so genossen hatte. Seine Abende verbrachte er am Grab seines Freundes, wo neben dem Kopfende des Verstorbenen ein junger Olivenbaum gewachsen war. So schnell wuchs dieser Baum und so ungewöhnlich war seine Gestalt, dass alle, die ihn erblickten, erstaunt aufschrien; und Musides schien zugleich fasziniert und abgestoßen.
Drei Jahre nach Kalos’ Tod sandte Musides einen Boten zum Tyrannen, und auf der Agora von Tegea wurde gemunkelt, die gewaltige Statue sei vollendet. Inzwischen hatte der Baum am Grab erstaunliche Ausmaße angenommen, überragte alle anderen Bäume seiner Art und ragte mit einem ungewöhnlich schweren Ast über das Arbeitszimmer von Musides hinaus. So viele Besucher kamen, um den gewaltigen Baum zu bestaunen, wie um die Kunst des Bildhauers zu bewundern, sodass Musides selten allein war. Doch die vielen Gäste störten ihn nicht; im Gegenteil, er schien die Einsamkeit zu fürchten, nun, da sein Werk vollendet war. Der kalte Bergwind, der durch den Olivenhain und den Grabbaum pfiff, hatte die unheimliche Gabe, undeutlich artikulierte Laute zu formen.

Kapitel 4
Der Himmel war dunkel an dem Abend, als die Boten des Tyrannen in Tegea eintrafen. Es war bekannt, dass sie gekommen waren, um das große Bildnis der Tyche fortzubringen und Musides ewige Ehre zu erweisen, weshalb sie von den Einheimischen herzlich empfangen wurden. Im Laufe der Nacht brach ein heftiger Sturm über den Gipfel des Maenalus herein, und die Männer aus dem fernen Syrakus waren froh, in der Stadt Schutz und Geborgenheit gefunden zu haben. Sie sprachen von ihrem ruhmreichen Tyrannen und der Pracht seiner Hauptstadt und priesen die Herrlichkeit der Statue, die Musides für ihn hatte anfertigen lassen.
Dann erzählten die Männer von Tegea von der Güte des Musides und seinem tiefen Schmerz um seinen Freund und davon, dass ihn nicht einmal die kommenden Lorbeeren der Kunst trösten konnten, da Kalos fehlte, der diese Lorbeeren hätte tragen können. Auch von dem Baum, der am Grab nahe dem Haupt des Kalos wuchs, sprachen sie. Der Wind heulte noch schrecklicher, und sowohl die Syrakusaner als auch die Arkadier beteten zu Aiolos.
Im Morgenlicht führten die Proxenoi die Boten des Tyrannen den Hang hinauf zum Wohnsitz des Bildhauers, doch der Nachtwind hatte Unheil angerichtet. Sklavenschreie hallten aus der Verwüstung empor, und inmitten des Olivenhains erhoben sich nicht mehr die glänzenden Säulengänge jener gewaltigen Halle, in der Musides geträumt und gearbeitet hatte. Verlassen und erschüttert trauerten die bescheidenen Höfe und die unteren Mauern, denn auf den prächtigen oberen Peristyl war der schwere, überhängende Ast des seltsamen neuen Baumes herabgestürzt und hatte das stattliche Marmorwerk von eigentümlicher Vollkommenheit in einen Haufen hässlicher Ruinen verwandelt.
Fremde und Tegeer standen entsetzt da und blickten von den Trümmern zu dem großen, unheilvollen Baum, dessen Gestalt so seltsam menschlich anmutete und dessen Wurzeln so merkwürdig in das gemeißelte Grabmal von Kalos hineinreichten. Ihre Furcht und Bestürzung wuchsen, als sie die verfallenen Gemächer durchsuchten, denn weder von dem edelmütigen Musiden noch von dem wundervoll gestalteten Bildnis der Tyche war eine ⇒Spur zu finden.
Inmitten dieser gewaltigen Zerstörung herrschte nur Chaos, und die Vertreter zweier Städte reisten enttäuscht ab: Die Syrakusaner, weil sie keine Statue mit nach Hause nehmen konnten, die Tegeer, weil ihnen der Künstler fehlte, den sie krönen konnten. Doch die Syrakusaner erhielten nach einiger Zeit in Athen eine prächtige Statue, und die Tegeer trösteten sich damit, auf der Agora einen Marmortempel zu errichten, der an die Gaben, Tugenden und brüderliche Frömmigkeit des Musiden erinnerte.
Doch der Olivenhain steht noch immer, ebenso der Baum, der aus dem Grab von Kalos wächst, und der alte Imker erzählte mir, dass die Zweige manchmal im Nachtwind miteinander flüstern und immer wieder rufen: „Oida! Oida! – Ich weiß! Ich weiß!“








